Der Steinhof - eine Legende!

Der Steinhof - eine Legende

Im Jahr 1984 feierte der Gasthof Steinhof sein hundertjähriges Bestehen. Erbaut wurde das Haus aber schon 1850 als Brauerei, die bis 1884 in Betrieb war. Die grossen Keller sind noch heute Zeugen jener Zeit. Sechs Meter tiefer befinden sich weitere Keller, die der Brauerei als Eislager dienten, heute aber nicht mehr benützt werden. Aus der Zeit der Bierherstellung stammt auch die hauseigene Quellfassung; die Gemeinde erhielt erst 1905 eine eigene Wasserversorgung, lange nach dem Steinhof. Nach Stilllegung der Brauerei wurde 1884 der Gasthof eingerichtet, mit einem grossen Saal samt Bühne im ersten Stock. Dort fanden die jährlichen Theateraufführungen der Dorfvereine statt. Mit dem Aufkommen der modernen «hopsenden Tänze» kam aber der Saalboden so gefährlich ins Schwingen, dass der Saal behördlich geschlossen werden musste.


Der Doktor kommt

Da Würenlos noch keinen eigenen Dorfarzt hatte, stellte der Steinhof dem Dietiker Arzt Dr. Grendelmeyer ein Sprechzimmer zur Verfügung, das sehr einfach eingerichtet und durch eine hölzerne Freitreppe erreichbar war; ein Wartezimmer gab es nicht, die Patienten harrten im Freien aus, bis sie an die Reihe kamen. Während mehr als 30 Jahren kam Doktor Grendelmeyer regelmässig von Dietikon nach Würenlos, bis zirka 1943, in der ersten Zeit noch per Velo.


Eine neue Ära

Der Steinhof wechselte wiederholt den Besitzer. 1926 wurde er durch die Familie Notter vom bisherigen Inhaber Wyss erworben, von 1947 bis 1951 gehörte er der Familie Duss. Als 1951 der Liegenschaftenhändler Meili den Steinhof erwarb, begann eine neue Ära: Die Gaststube, ehemals eine einfache Dorfwirtschaft, wurde in ein Speiserestaurant für gehobene Ansprüche umgebaut, der Eingang nach Norden verlegt, eine neue grosse Küche eingerichtet und dahinter ein neuer Saal erstellt. Die Hotelzimmer wurden ausgebaut, der Vorplatz gegen die Landstrasse fand seine heutige Gestalt. Auf der Wiese hinter dem neuen grossen Parkplatz konnten die Gäste auf Liegestühlen ausruhen und sich bewirten lassen. Für die Kinder entstand ein kleiner Tierpark mit Vögeln, Affen, einem kleinen Bären, Schildkröten, Wildenten, einem Pfau, einem Esel und einem Pony, das vor ein «Gütschli» gespannt werden konnte und für fünfzig Rappen die Kinder im Dorf herumführte. Der Steinhof wurde zum beliebten Ausflugsziel für das Wochenende. Alte Postkarten widerspiegeln den Glanz einer romantischen Vergangenheit.


Seine Majestät der König

Der neue Steinhofbesitzer verstand es aber auch, hohe Gäste einzuladen; der prominenteste war wohl im Januar 1955 König Paul von Griechenland. Das kam so: Dessen Gattin, Königin Friederike, musste sich in Zürich einer Ohrenoperation unterziehen und der Jodlerklub Oerlikon brachte ihr im Spital ein Ständchen dar, von dem sie so begeistert war, dass sie fand, auch ihr Mann sollte dieses Genusses teilhaftig werden. Herr Meili, ein Gönner dieses Jodlerklubs, hörte davon und lud das Herrscherpaar zusammen mit dem Zürcher Stadtpräsidenten Landolt zu einem Jodlerkonzert nach Würenlos ein. Die Aufregung über dieses Ereignis war gross; König Paul erschien allerdings zur Enttäuschung aller Anwesenden ohne seine Gattin, denn ihr Arzt hatte ihr den abendlichen Ausgang verboten. Mit farbigen Raketen wurde der Monarch empfangen, ein auserlesenes Menü ward serviert, darunter eine Hechtplatte, verziert mit einem aus Servietten kunstvoll gebastelten Schwan, als Dessert eine Torte mit aufgezeichneten Glückwünschen in griechischer Schrift. Die Servicemitarbeiter hatten den Hofknicks manierlich eingeübt um dem hohen Gast die gebührende Ehre zu erweisen. Der König gab sich jedoch ganz ungezwungen, freute sich an den Darbietungen der Jodler und führte - wie es in einem Zeitungsbericht hiess - «galant die anwesenden Damen zum Tanz». Erst nach Mitternacht verabschiedete er sich mit herzlichen Dankesworten und am folgenden Tag reiste er mit der Königin nach Griechenland zurück.


Der Aff ist los

Für Aufregung sorgte aber auch der Tierpark, speziell der Rhesusaffe Duno, der in Würenlos eine Familie gegründet und mit dieser ein friedliches Leben geführt hatte, bis das Unglück geschah: Sein Weibchen und die zwei Jungen fielen unbemerkt in die offene Jauchegrube und ertranken. Der arme Duno, allein zurückgelassen, hatte nun keine Ruhe mehr und brach immer wieder aus. Er wurde in Otelfingen gesehen, in Spreitenbach, bei der bernischen Strafanstalt Thorberg. In Zürich demolierte er am Walchekino Neonlampen, in Zollikon räumte er einen Küchenschrank aus, in Luzern warf er von einem Fenstersims Blumentöpfe auf die Strasse. In Küssnacht am Rigi wurde er schliesslich von einem Jäger erschossen.


Neue Zeit: der Gast ist König

Im Jahr 1956 erwarb das Ehepaar Maduz den Steinhof und führte ab 1972 den weitherum bekannten Gasthof in eigener Regie. Unter der Leitung des legendären Wirtepaares wurde der Hoteltrakt weiter ausgebaut, und Mitte der Siebzigerjahre entstand in der gegenüberliegenden Scheune das «Jägerstübli», nachdem der angegliederte Landwirtschaftsbetrieb aufgegeben worden war. Die Gastgeberqualitäten insbesondere von Verena Maduz waren einzigartig. Bei ihr fühlte sich jeder Gast herzlich willkommen und rundum verwöhnt. Für sie war 'Gastfreundschaft' nicht einfach ein bedeutungsloses Wort sondern ihre innerste Überzeugung.


Verena Maduz führte den Gasthof mit Umsicht aber auch mit eiserner Hand und nach alter Schule biszu Ihrem Tode im Jahre 2009. Sie vererbte den Steinhof ihren beiden langjährigen Mitarbeitern Juan und Lisa Rodriguez, welche über die Jahre zur eigentlichen Familie von Verena Maduz wurden und welche sich bis zu ihrem Tod liebevoll um sie gekümmert haben. Seither ist der Steinhof in einen Dornröschenschlaf versunken und wartet darauf, eines Tages, frisch renoviert, in neuem Glanz zu erscheinen.